15. April 2011

Die Lichter bleiben an


Kühltürme des AKW Biblis. Quelle: reuters
Meiler-Dämmerung für die AKW?

Die Lichter bleiben an

Atomausstieg gefährdet Versorgungssicherheit nicht

von Stefan Lehmacher
Acht der 17 deutschen AKW sind schon vom Netz, weitere fünf sollen im Mai in Revision gehen. Und doch werden in Deutschland die Lichter nicht ausgehen, meinen Experten. Schon 2015 ließen sich alle AKW endgültig abschalten, hat Greenpeace errechnet.
Selbst die konservativste Variante, wie sie das Öko-Institut in einer Analyse für den WWF Deutschland durchgerechnet hat, erlaubte es, bis 2020 alle deutschen Kernkraftwerke abzuschalten, ohne dass die heute schon bestehenden Ausbaupläne für den Kraftwerkspark geändert werden müssten. Auch das Stromnetz in Deutschland kann nach Ansicht von Experten mindestens das Abschalten von 13 AKW sofort aushalten, ohne dass es zu Engpässen käme. Der Ausbaubedarf für die Vollabschaltung der AKW ist dabei geringer als offiziell behauptet.
Auch das Bundeswirtschaftsministerium attestiert in seinem jüngsten "Monitoring-Bericht zur Versorgungssicherheit" dem deutschen Kraftwerkspark deutliche Reservekapazitäten, die schon jetzt für Stromexporte genutzt werden oder brachliegen. Selbst unter Annahme ungünstigster Bedingungen kommen noch bis 2015 etwa 15 Gigawatt an neugebauter Kraftwerksleistung hinzu, etwa drei Viertel der Gesamtkapazität aller deutschen AKW. In einer im Januar veröffentlichten und vom BMWI nur verschämt herausgegebenen weiteren Studie wird zudem nur ein moderater Ausbau des Stromnetzes für nötig erachtet.

Die Kapazität

Auf den jährlichen Stromverbrauch und die entsprechende Produktion in Deutschland zu schauen, ist nach Ansicht von Fachleuten der falsche Weg, um abzuschätzen, ob die AKW verzichtbar sind. Ein Stromnetz muss im Gleichgewicht sein, um stabil zu sein, weshalb Produktion und Nachfrage notwendigerweise eng beienanderliegen. Viel wichtiger ist die gesamte Produktionskapazität des deutschen Kraftwerksbestands und die im Verlaufe eines Jahres gemessene maximale Verbrauchslast im deutschen Stromnetz. Präzise Zahlen hierzu liefert das statistische Jahrbuch des Verbands Europäischer Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E), in dem 42 Stromnetzbetreiber Europas organisiert sind.

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Die Abgeschalteten

Seit Mitte März sind die sieben ältesten deutschen AKW abgeschaltet. Dies sind: Biblis A und B, Isar 1, Krümmel, Neckarwestheim 1, Philippsburg 1 und Unterweser. Allerdings war schon vor dem Moratorium der Reaktor Biblis B seit Februar wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet und Biblis A sollte im Mai zwecks Revision für den Rest des Jahres vom Netz gehen. Krümmel war nach einem Störfall schon seit Juli 2009 abgeschaltet und Brunsbüttel, der achte Reaktor, steht schon seit Juli 2007 still und wird ohnehin vermutlich nie wieder ans Netz gehen.
Laut ENTSO-E-Daten beträgt die jährliche Spitzenlast im deutschen Stromnetz etwa 78 Gigawatt. Erreicht wird sie typischerweise an einem Winterabend im Januar gegen 19 Uhr. Im Sommer hingegen kann die nachgefragte Strommenge bis auf etwa 40 Gigawatt sinken. Dem steht eine gesamte deutsche Kraftwerkskapazität von 139,5 Gigawatt gegenüber. Unter Anrechnung aller Abzüge durch Kraftwerke, die wegen Wartungsarbeiten ausgeschaltet sind, solchen, die unerwartet ausfallen und einer Sicherheitsmarge von acht Prozent der deutschen Kraftwerksleistung verbleiben derzeit immer noch mehr als 13 Gigawatt Kraftwerksleistung als Reserve.

Die Alt-Meiler und Pannenreaktoren

Demgegenüber repräsentieren die sieben auf Geheiß der Bundesregierung vorläufig abgeschalteten Alt-Meiler und Pannen-Reaktoren einen maximale Netto-Leistung von 7,6 Gigawatt, zählt man das seit vier Jahren abgeschaltete Brunsbüttel dazu, sind es 8,4 Gigawatt. Hinzu kommt, dass gerade diese acht Kraftwerke eine besonders schlechte Bilanz haben. Minus-Spitzenreiter ist dabei Brunsbüttel mit einer Verfügbarkeit von lediglich 59,7 Prozent - was bedeutet, dass der Reaktor fast die Hälfte seiner Betriebsdauer stillgestanden hat.

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Das Strompreis-Märchen

Warnungen vor steigenden Strompreisen sind vermutlich aus der Luft gegriffen. Zwar führte eine Abschaltung vieler Kernkraftwerke kurzfristig zu Erhöhungen des Großhandelspreises, weil ältere, teurer produzierende Kraftwerke ans Netz müssten. Sehr schnell, so rechnen Ökonomen vor, führte aber die Abschaltung der AKW zu verstärktem Neubau von Kraftwerksleistung, was sogar sinkende Strompreise zur Folge hätte. Darüber hinaus bildet sich der Strompreis für Endverbraucher aus langfristigen Terminlieferungen, die auf drei Jahre im voraus abgeschlossen sind. Kurzfristig können sich Erhöhungen da gar nicht in den Endverbraucherpreisen niederschlagen. Eine Erhöhung des Großhandelspreises um 10 Prozent schlüge zudem aufgrund der Besonderheiten des Deutschen Strommarkts für den privaten Endverbraucher nur mit einem Plus von 2,5 Prozent zu Buche.

Die dauerhafte Abschaltung aller acht Alt-Reaktoren wäre deshalb nach übereinstimmender Ansicht von Öko-Institut und Greenpeace sofort und ohne jede weitere Maßnahme möglich. Bis 2013, so bestätigen Zahlen der ENTSO-E und des Bundesministeriums für Wirtschaft, werden mindestens weitere 15 Gigawatt an Leistung aus bereits im Bau befindlichen Kraftwerken hinzukommen, sodass selbst bei Stillegung alter Kraftwerke die deutsche Stromproduktionskapazität wächst. In diesem Szenario ist der ursprünglich geplante Atomausstieg Deutschlands noch eingerechnet. Daher könnten nach übereinstimmender Ansicht von Greenpeace und des Öko-Instituts bis 2013 vier bis sechs weitere AKW ohne jede Änderung der Stromausbaupläne vom Netz gehen.

Der Termin 2015 oder 2020

Ab diesem Zeitpunkt rennen sich die Wege bei den Berechnungen der beiden Think Tanks. Greenpeace sieht bei einem schnellen Ausstieg nach dem Motto "Entweder will man oder nicht" einen massiven Ausbau regenerativer Energien vor. Der Bau von jährlich 750 neuen Windrädern an Land, durchschnittlich 200 auf See und der Zubau von 100.000 Solaranlagen auf Dächern soll bis 2015 das Abschalten aller AKW ermöglichen. Als Bonus soll es sogar schon möglich sein, in den Jahren ab 2013 alte Kohlekraftwerke abzuschalten. Damit wäre Deutschland im Jahre 2015 frei von laufenden AKW - bleibt nur der strahlende Schrott.

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Das Wachstum

Laut den Schätzungen der ENTSO-E wird der Stromverbrauch in Deutschland bis 2020 nur noch sehr geringfügig um jährlich 0,2 bis 0,6 Prozent wachsen. Damit hat Deutschland die europaweit mit Abstand geringste Wachstumsrate beim Stromverbrauch. Noch gar nicht eingerechnet sind Stromeinsparungen durch effizienzsteigerungen. Am stärksten soll laut Prognose der Verbrauch in Bulgarien (sechs Prozent) und in Portugal (3,6 Prozent) wachsen.

Das Öko-Institut benutzt hingegen bei seinen Berechnungen einen eher evolutionären Weg. Bis 2013 könnten laut Öko-Institut durch die Nutzung bislang brachliegender Reserven und den gesicherten, weil im Bau befindlichen Zuwachs neuer Kraftwerke 14 AKW abgeschaltet werden. Für die Jahre 2015 bis 2020 und das Abschalten der letzten drei AKW gehen die Stromexperten dann von einem sehr moderaten Zuwachs von fünf Gigawatt Kraftwerkskapazität aus. Bei allen Zahlenspielen und Kalkulationen setzte das Öko-Institut immer die niedrigsten möglichen Werte an.

Das Netz

Schwachstelle aller Berechnungen und Schätzungen zum Atomausstieg ist allerdings das Stromnetz in Deutschland. Wichtig ist dabei vor allem das "Übertragungsnetz", ein komplexes Netz von Höchstspannungsleitungen mit 380 Kilovolt beziehungsweise 220 Kilovolt. Dieses Stromnetz ist auch Teil des europäischen Netzverbunds, der den Import und Export von Strom von Portugal bis in die Ukraine möglich macht. Verlässliche Daten über dieses Stromnetz sind jedoch nicht zu bekommen. bestätigen unabhängige Fachleute wie Uwe Leprich von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. Diese Daten besäßen nur die vier Netzbetreiber und die Deutsche Energie-Agentur "dena", rückten sie aber nicht raus, so Leprich.

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Die Herren der Netze

Das deutsche Stromnetz ist unter vier Firmen aufgeteilt: Die Amprion GmbH ist eine Tochter der RWE und betreibt mit 11.000 Kilometer das längste Höchstspannungsnetz mit 380 beziehungsweise 220 Kilovolt in Deutschland. Die TenneT TSO GmbH gehörte vormals dem Stromversorger E.ON und ist ein selbständiges Unternehmen mit einem Höchstspannungsnetz von 10.700 Kilometern. Die 50Hertz Transmission GmbH, ehemals Vattenfall, betreibt im Osten Deutschland ein 9.750 Kilometer langes Höchstspannungsnetz während die die EnBW Transportnetze AG, eine Tochter der EnBW, mit 3.200 Kilometern das kleinste der vier Netze betreibt.

Auch weitere Branchenkenner und Stromexperten bestätigen diesen Mangel an Information. Die dena selbst ist zwar mehrheitlich in Bundeseigentum, allerdings werden 51 Prozent der laufenden Kosten von der Stromindustrie, allen voran den großen vier, E.on, EnBW, RWE und Vattenfall Europe, getragen. Viele Fachleute bezweifeln deshalb die Unparteilichkeit der dena. Was den nötigen Ausbau des deutschen Netzes für einen Ausstieg aus der Kernenergie angeht, ist sich das Bundeswirtschaftsministerium selbst uneiens. Im "Monitorig-Bericht zur Versorgungslage 2011" stellt das BMWI fest: "Im innerdeutschen Übertragungsnetz werden bisher keine strukturellen Engpässe ausgewiesen." Zudem werde es durch den jetzt schon laufenden Ausbau des 380 Kilovolt-Netzes eine weitere Verbesserung geben.

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Übertragungsnetz, Verteilungsnetz, Stadtnetz

Das deutsche Stromnetz gliedert sich nach Spannung und Zweck in vier Netze: Das Übertragungsnetz, das mit 380 oder 220 Kilovolt arbeitet und der bundesweiten und internationalen Übertragung großer Energiemengen dient, das regionale Hochspannungsnetz mit 110 Kilovolt, in das mittelgroße Kraftwerke ihren Strom einspeisen, das Mittelspannungsnetz, das mit 1-50 Kilovolt Stadtwerke und städtische Kraftwerke verbindet und das Niederspannungsnetz mit 400 Volt, dass die Einzelversorgung der Haushalte übernimmt.
In der dena-Netzstudie II für das BMWI vom November 2010 stellt jedoch die dena fest, dass zur Sicherung der Netzstabilität bis 2020 rund 3.600 Kilometer neue Übertragungsleitungen gebaut werden müssten. Noch 2005 hatte dieselbe Expertengruppe in der dena-Netzstudie I festgestellt, dass ein moderater Ausbau von 850 Kilometern Übertragungsnetz ausreiche. Diesen Wert stützt auch eine Studie der Institute "Consentec" und "r2b", die ebenfalls vom BMWI beauftragt wurde und im Juni 2010 überreicht, aber vom BMWI erst im Januar 2011 veröffentlicht wurde. Darin heißt es in Sachen Netzausbau: "Im Übertragungsnetz erweist sich der ... als Rahmenannahme angesetzte Netzausbau gem. dena-Netzstudie I und EnLAG als ausreichend."

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